Teil 10 – Manche sterben und manche nicht…

von Jirka Wartenberg | Ich hatte mir für den Monat Juni Urlaub genommen, um mit Aude nach Irland zu fahren. In meinem engsten Freundeskreis sind hervorragende Musiker (Accordeon, Flöte, Geige, Gitarre, Bass), die sich der wunderbaren, mitreissenden irischen Musik gewidmet haben und mich diese Musik und alles was dazu gehört (Guiness, Whiskey), lieben gelehrt haben. Ich musste unbedingt nach Irland! Also, alles war fertig für die Abreise am Sonnabend Morgen (Ende Mai). Ich hatte aber schon seit mehreren Tagen ein piekendes Schmerzgefühl neben meiner linken Schulterachsel und bin zum Arzt gegangen, um einen ruhigen Urlaub zu verbringen.

Das war am Donnerstag vor unserer Abreise. Der Doktor riet mir aber doch, eine Röntgenaufnahme machen zu lassen. Diese gefiel dem Röntgenarzt nicht und am Freitagmorgen musste ich einen Scanner machen. Am Sonnabendmorgen wurde ich einem Lungenarzt vorgestellt mit dem unwiderruflichen Resultat: Lungenkrebs!

Ein bösartiger Tumor, gross wie eine Apfelsine, in der oberen linken Lungenhälfte! Da war es mit der Irlandreise erst einmal vorbei. In der kommenden ersten Juniwoche Rendez-vous mit dem Chef der Klinik, dem Mediziner der Chemotherapie in der Klinik Sainte Catherine in Avignon und dem Chirurgen im benachbarten Zentralkrankenhaus. Es wurde ein Protokoll für die Bekämpfung meiner Krankheit aufgestellt. Sie haben mir auch gesagt, daß ich eine schwierige Thérapie durchzustehen hätte, die aber nötig wäre, um meine Chancen ein wenig zu erhöhen und es würde alles von meiner Willenstärke und Widerstandsfähigkeit abhängen!

Meine Frage, ob ich daran sterben könne, wurde mit einem einfachen „manche sterben und manche nicht“ beantwortet. Meine Einstellung zu diesem Problem war recht einfach. Ich wusste, daß es Krebs war, doch für mich war das nur eine bösartige Kugel, die man mir nach der vorbereitenden Behandlung entfernen muss. Über das „was, wenn“ habe ich mir keine Gedanken gemacht und war wirklich zuversichtlich. Was alles auf mich zukommen würde, wusste ich zum Glück noch nicht!

Wir sind dann zwei Tage aufs Land gefahren, um ein bischen zu verschnaufen. Am Wochenende war dann Axel bei uns, da er sich doch Sorgen machte. Alle meine Freunde und auch die Mediziner hatten mir einen sehr wahrscheinlichen Haarausfall vorhergesagt. Ich wollte aber nicht, daß das von meiner Krankheit bestimmt würde und darum hat Aude mir schon im voraus eine schöne Glatze geschoren. Ich sah schlimm aus! Axel hat sich mit einer berührenden Geste als zweiter auf den Stuhl gesetzt und es wurde ein lustiger Nachmittag!

Dann wurde es Ernst. Im Juni zog ich dann in die Klinik ein und nach einer neuen Röntgenaufnahme und sofortiger Bestrahlung, hingen bereits eine Stunde später 3 oder 4 Beutel an einem fahrbaren Ständer neben meinem Bett. Ich wusste, daß da nicht viel Gutes drin war. Die erste Woche ging eigentlich ziemlich gut über die Runden. Ich fühlte mich gut, hatte aber keinen grossen Hunger und der Geschmack ging flöten. Dazu fing alles an, schlecht zu riechen, sogar meine Frau und auch das blitzsaubere Badezimmer. Wäre normal, wurde mir versichert.

Na schön. Mir wurde auch am letzten Tag dieses ersten Wochenaufenthaltes gesagt, daß es mir nach dem Stop der ununterbrochenen Chemo vielleicht vorübergehend ein wenig schlecht gehen würde, doch das würde sich schnell wieder legen. Bei mir hat das fast anderthalb Wochen gedauert! Hatte nur Lust, mich zu übergeben, zu heulen, keinen Appetit, verlor 6 oder 7 Kilo, ganz zu schweigen von dem „fürchterlichen Geruch“ in unserer Wohnung! Meine Ehefrau, meine Schwiegermutter, meine Schwägerin und mein Schwager, Aigues und Dominique, die extra aus Lille angereist waren, kümmerten sich sehr lieb um mich und jeden Tag kam einer meiner Freunde, um mir einige Minuten Gesellschaft zu leisten. Ich brauchte Schlaf! Die letzten zehn Tage vor meiner Rückkehr in die Klinik, ging es mir dann tatsächlich ein wenig besser und die täglichen Krankenwagenfahrten nach Avignon (20 km hin und 20 km zurück) zur Bestrahlung wurden erträglicher. Manchmal habe ich mich nach der Rückkehr im Zentrum absetzen lassen und ein kleines Bier getrunken. Die Temperatur lag nämlich um die 35 Grad herum. Dann kam die letzte Woche. Während der nächsten 5 Tage wieder eine 24-stündige Chemo und natürlich jeden Tag, wie schon seit Beginn, die Gammabestrahlung. Meine Haut oben auf der linken Brust in Nähe der Achselhöhle war ziemlich verbrannt. Mitte Juli war dann die Vorbehandlung beendet.

Ein bischen aufgepäppelt auf Grund der Beutel mit der „Traubenzuckersosse“. In dieser Woche hatte ich mir auf eine Anzeige hin ein Motorrad gekauft. Ein 800ccm Suzuki Marauder Custom in Gelb und Schwarz. Ein kleiner Freudenstern am düsteren Himmel für mich. Ich konnte das Bike am kommenden Dienstag in Saint-Rémy de Provence abholen. Der Verkäufer war der Chef der Gendarmerie der Beaux de Provence, einer Sehenswürdigkeit nahe bei Saint Rémy. Ansonsten wurde mir angetragen, mich nun zu erholen und neue Kräfte zu sammeln, um für die Operation im September fit zu sein. Am Sonnabendmorgen fuhren wir zum TGV-Bahnhof nach Avignon. Wir waren zur Hochzeit eines Neffens von Aude eingeladen. Ich habe es gerade noch bis zum Schalter geschafft. Wir mussten unsere Tickets zurückgeben, da es mir wirklich eklig ging. Wieder nach Hause. Am Dienstagmorgen hat mich meine Ehefrau in die Klinik zurückgebracht, da sie mit ihrem Latein am Ende war. Ich hatte Schmerzen im ganzen Körper und habe mich wie ein Rauschgiftsüchtiger zusammengeballt, dem man die Drogen entzogen hatte. Das war ja auch der Fall, denn das, was mir in langer Zeit in die Venen gegeben wurde, war schlimmer. Ich war völlig ausgetrocknet und wog nur noch 53 Kilo. Sie haben mich in der Klinik sofort ins Bett gesteckt, um mich wieder zu hydratisieren. Als man mir ankündigte, noch eine Nacht dort verbringen zu müssen, weinte ich wie ein kleines Kind.  Schon nach der ersten Chemo hatte ich meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle und jetzt war ich ganz unten. Ich wusste nun, daß ich mein Motorrad heute nicht abholen könnte.

Na, das habe ich dann aber am Sonnabend gemacht. Voilà. Aude hatte eine Riesenangst, da ich wirklich schwächlich war und noch schlimmer aussah und da war auch noch die Serpentinenabfahrt. Alles ging gut, mein Bike hat mich nach Hause gebracht. Es wog immerhin über 280 Kilo. Diese kurze 20 km-Fahrt nach Cavaillon mit ihrem mageren Ehemann vor sich auf der Strasse hat in meiner Frau die Lust auf’s Motorradfahren geweckt und sie hat dann später ihren Führerschein für sämtliche Kategorien gemacht.

Von nun an war ausruhen und Kräftesammeln angesagt! Leichter gesagt als getan, denn in den nächsten 14 Tagen ging es mir erst einmal wirklich besch….! Dann kam ich wieder hoch und fing an, wieder an meine Musik zu denken. Die ersten Aufnahmen in meinem kleinen Studio wurden gemacht. Das Prinzip ist eigenlich einfach: mein elektrisches Piano wird mit Hilfe eines Programms (Cubase) zu einem virtuellen Instrument (Geige, Tuba, Drums, Flöte usw), dann müssen der Bass und die Gitarren eingespielt werden…

Dann wird gemixt, wie in einem normalen Studio, mit Effekten und allem Drum und Dran und dann müssen die 1, 2, 3 oder 4 Stimmen gesungen werden. Nun ist ein Titel fertig. Es ist natürlich nicht so einfach, wie es sich anhört und um es vorwegzunehmen, Ende 2009 hatte ich „nur“ 62 Songs fertiggestellt. Eine riesige Arbeit!

Meine Finger gehorchten mir mittlerweile wieder und ich bin mit Freude an diese Arbeit gegangen.

Dann kam das Rendez-vous mit meinem Chirurgen, Dr. Nicola Santelmo. Er war gebürtiger Italiener und leitete die pneumo-chirurgische Abteilung im Zentralkrankenhaus in Avignon. Auf der vorhergegangenen Röntgenaufnahme konnte man sehen, daß der Tumor sich um die Hälfte verkleinert hatte. Der Beschuss der Gammastrahlen, die Chemo, die die abgesprengten kranken Zellen sofort vernichteten (leider nicht nur die kranken Zellen, sondern auch viel „Gutes“) haben zu diesem Resultat geführt.

Er erklärte mir, daß es eine sehr schwere Operation sei, daß unter dem Schulterblatt an diesem Teil des Körpers eine Vielzahl von Nerven verliefen und er würde nicht einen Augenblick zögern, mir ein oder zwei Nervenstränge durchzuschneiden, um an die Lunge heranzukommen. Ich hätte dann vielleicht ein oder zwei steife Finger, doch mein Tumor wäre entfernt.

Da habe ich erst einmal tief durchgeatmet, bin dann aufgestanden, habe meine Hände auf seinen Schreibtisch gesetzt und gesagt: „Hören Sie, ich weiss nicht, ob Sie ein guter oder schlechter Chirurg sind, doch ich lege mein Schicksal in Ihre Hände, um mir meine Lunge operieren zu lassen. Wenn ich Schwierigkeiten mit meinen Fingern hätte, wäre ich sicherlich in eine andere Klinik gegangen. Also bitte, lassen Sie meine Finger in Ruhe. Wenn ich nach der Operation ein oder zwei steife Finger in der linken Hand hätte, könnte ich nie wieder meine Instrumente bedienen. In diesem Fall brauchen Sie mich gar nicht erst operieren sondern mich besser sofort erschiessen“.

Ich setzte mich wieder hin. Aude neben mir gab mir laufend kleine Stösse mit den Füssen. Einen Augenblick schwieg er und dann ein kleines Schmunzeln. Er sagte, er wäre im Urlaub bis Mitte September und würde mich beim Neuanfang sofort drannehmen und er würde an meine Finger denken. Ich antwortete, daß das schon besser klänge, aber daß ich mir wünschte, daß er nach seinem Urlaub erst mal 2 oder 3 andere unter das Messer nimmt, um wieder „reinzukommen“. Ne Frage des Trainings (nach Italien, Rotwein usw). Da hat er nun wirklich gelacht und wir sind zufrieden wieder nach Hause gefahren.

Nun hatte ich noch anderthalb Monate Zeit, mich aufzupäppeln. Axel kam wieder zu Besuch, ach, der war wirklich immer für mich da und wir beide haben einen Ausflug nach Saintes-Maries-de-la-Mer  gemacht. Eine kleine Stadt mit weissen Häusern, die in der Camargue direkt am Mittelmeer liegt. Die Camargue ist ein riesiges Naturschutzgebiet, geprägt vom Rhone-Flussdelta (wie New Orleans in den USA). Stiere und Pferde laufen hier frei herum (sie gehören natürlich jemanden, doch sie sind in Freiheit) und werden von den französischen Cowboys, den Guardiens, betreut. Viele Zigeuner und einmal im Jahr, im Mai, kommen sie aus ganz Europa hierher, um einer schwarzen Jungfrau Maria zu huldigen, die ihnen der Geschichte nach, diesen Flecken Erde gegeben hat. Sie sind zu Tausenden dort und es ist wirklich ein grosses folklorisches Spektakel.

Wir sind dort in der Stadt herumgelaufen, ich habe mir ein paar Kleidungstücke gekauft, weil ich mit meinen 53 Kilos wirklich nichts hatte, das an meinem Körper hängen blieb. Ich habe an diesem Tage zum ersten Mal nach vielen Wochen in einem Restaurant richtig gegessen und ich glaube, daß Axel auch zwei Videos gemacht hat. Wir haben einen wunderbaren Tag verbracht!

Am 21.September bin ich dann im Krankenhaus angekommen. Operation am nächsten Morgen um 8 Uhr. Mein Freund Boogie, der schon viele Operationen hinter sich hatte (Motorradunfall in seiner Jugend und später zwei neue Hüften), gab mir einen Rat: wenn sie dich einschläfern, mach ’ne „Banane“ (Breites Grinsen) und du wirst mit der „Banane“ wieder aufwachen. Das habe ich auch getan, vor allem, weil es ja auch mein Geburtstag war!

Um 7 Uhr die „Leck mich am „Ar….pille“ und nach ’ner halben Stunde begab ich mich in Dr. Santelmos Hände. Die Operation dauerte über acht Stunden mit sogar zwei Chirurgen. Einer hat mit der Säge und der Bohrmaschine geackert und der andere hat geschnitten. Mein Erwachen war lustig, denn während Dr.Santelmo neben mir herging, um mich auf mein Zimmer zu begleiten, bat er mich, meine linke Hand zu heben und meine Finger zu bewegen. Und sie bewegten sich! Er hat auch die erste Rippe retten können und war offensictlich genauso froh wie ich. Meine Aude, die schon seit langer Zeit in meinem Zimmer wartete, gab mir die Zärtlichkeit, die ich brauchte, um nach diesem anscheinend geglückten Eingriff ruhig zu schlafen. Ich wurde zum zweiten Mal geboren!

Meine Genesung ging sehr schnell voran. Ich stellte nur fest, daß ich ich sehr viel schwitzte und zwar nur auf meiner rechten Körperhälfte. Da war natürlich das Fenster, das viel Sonne durchliess, trotzdem war das komisch. Also habe ich gefragt und mir wurde gesagt, daß sie mir den Sympathicus Nerv durchschneiden mussten. Der ist unter anderem auch für das Schwitzen verantwortlich. Nun schwitze ich nur auf der rechten Seite und zwar doppelt so viel. Schon nach acht Tagen konnte man mich entlassen. Der ganze medizinische Staff war sehr zufrieden mit dem Ausgang meiner gesamten Behandlung. Die Wunde (mit 46 cm Klammern) sah sehr gut aus. Die Dreiergruppe von Medizinern: Dr. Reboul (Chef der Klinik Sainte Catherine) für die Bestrahlungsthérapie, Dr. Hilgert (ein gebürtiger Deutscher) für die Chemo und Dr. Santelmo, der Chirurg, sind als eine der besten Spezialisten für Krebsbehandlung in Frankreich und darüber hinaus bekannt.

Sie haben mir kurz vor meiner Entlassung gestanden, daß sie in meinem Falle auf Alles oder Nichts und auf meine Widerstandsfähigkeit gesetzt hatten. Sie waren sehr stolz auf ihren Erfolg, was ich fühlte, ganz zu schweigen. Diese Medizinergruppe wurde kurz darauf für die Ergebnisse in ihrer Krebsbekämpfung auf einem Colloque in Lyon ausgezeichnet. Es wurde ihnen zu Ehren eine Marmortafel mit den Namen der geretteten Patienten in goldener Inschrift enthüllt und nachdem was sie mir sagten, wäre mein Name als letzter dort eingraviert.

Ich muss noch sagen, daß wir zum Anfang meiner Behandlung ungefähr 25 Personen waren, die sich in einer ähnlichen Lage wie ich befanden und nach meiner Operation waren es nur noch wenige. Diese wenigen geretteten Personen sind für diese Doktoren sehr wichtig, haben sie doch einen recht undankbaren Job und wir waren der Beweis, daß man dem Krebs doch besiegen kann.

Von da an muss ich nun einmal im Jahr einen Scanner machen, um den Fortgang zu überprüfen und jedesmal, wenn ich dort hingehe, ist das gesamte Personal erfreut, mich gesund zu sehen. Mit der Arbeit war es auch nun zu Ende und ich war erst mal langdauernd krankgeschrieben! Während der nächsten Monate habe ich es geschafft, ein paar Kilo raufzubekommen, komme aber bis heute nicht über die 60iger Grenze. Fühle mich aber wohl und brauche so nicht laufend meine Kleidung wechseln.

Wir sind dann noch im Jahre 2004 nach Lille (im Norden Frankreichs) gefahren, weil der jüngere Bruder von Aude sich verheiratete. Ich hatte die Ehre, einer der Trauzeugen zu sein. Es war sehr anstrengend für mich und ich war ungeduldig, nach Hause zu fahren, um ein bischen Ruhe zu finden!