Teil 9 – Eine weitere Wende, die Jahrtausendwende

von Jirka Wartenberg | Die Jahrtausendwende habe ich, wie alle, mit viel Emotionen verbracht und war gespannt,was die Zukunft für mich bereit hielt! Das ging schon erstmal am Anfang des Jahrtausends mit einer schweren Schulterverletzung los, (schon zum zweiten Mal an der gleichen rechten Schulter). Nach einer Operation für anderthalb Jahre auf Genesungsurlaub. Erstmal ausruhen und dann gingen die Serien beim Physiotherapeuten los (hier nennt man die Kinesithérapeut, kurz: Kiné). 3 oder 4 mal in der Woche wurde dann mit viel Arbeit versucht, wieder alles ins Lot zu bringen. Schmerzhaft und langwierig. Mein „Kiné“ hiess Marc Laffont, der mich schon bei meiner ersten Verletzung fit gemacht hatte. Er arbeitete mit einer Kollegin zusammen in einem Reducationscenter in Cavaillon, Le CREG. 2001 ging er dann in Sommerurlaub und seine Kollegin übernahm mich als Patient. Ich hatte sie in der Wartehalle schon oft gesehen, als sie sich nach jedem Patienten die Hände waschen ging. Während ich in den Illustrierten schmökerte, folgte ich ihr mit den Augen über meine Brille hinweg. Dann die erste Sitzung mit ihr. Ich sass auf dem Stuhl, sie vergewisserte sich meines Namens und sprach ihn fürchterlich aus! Sie stand fast immer hinter mir, doch ab und zu auch seitlich und dann konnte ich etwas von ihrem Gesicht erhaschen. Blaue Augen und blonde Haare mit einem Schwanz und Knoten. Ja,was soll ich noch dazu sagen? Nachdem ich sie zu einem Mittagessen zu mir eingeladen, ihr mit meiner Gitarre ein Lied vorgesungen hatte, zog sie im Oktober mit neunzehn 100-Liter-Mülleimerbeuteln in meine Wohnung ein und informierte ihren Eheman über ihre Scheidungsabsichten! Ihr Name ist Aude Weerts (sie spricht und versteht übrigens sehr gut Deutsch) und sie ist nur 14Jahre jünger als ich! In ihrer Freizeit war sie schon seit 18 Jahren Segelfluglehrerin und hat auch ihre Pilotenlizenz für Motorflugzeuge. Sie hat mich natürlich auf den Flugplatz gebracht und ich habe meinen ersten Segelflug mit ihr gemacht. Grandios!

Ich war damals schon 56 Jahre alt, doch das hat mich nicht davon abgehalten, mich im Club einzutragen und mit der Flugschule zu beginnen – hatte ich doch eine sehr gute Lehrerin! Der Aerodrome liegt zu Füssen der Alpilles, einer kleinen Bergkette unweit der Stadt St.Rêmy in der Provence. Sie zieht sich von Ost nach West und die Luftmassen, die aus dem Norden kommen, diesen Wind nennt man hier Mistral, stossen auf die Bergkette und geben so den nötigen Aufwind, den ein Segelflugzeug braucht, um Höhe zu gewinnen. Von 1.200 m Höhe an und wenn schöne Kumuluswolken am Himmel stehen, kann man dann in Richtung Alpen und sogar bis zum Mont Blanc fliegen (hin und zurück ca.6 Stunden Flug). Unvergesslich und das alles ohne Motor! Da dieser Wind hier fast unaufhörlich mehr oder weniger stark weht, kann man in Romanin (so heisst der Flugplatz) das ganze Jahr über starten und fliegen! Einige Monate später hatte ich meinen Pilotenschein in der Tasche und war stolz, wirklich stolz!

Stolz war ich auch, als wir am 24.August 2002 heirateten! Gute Freunde, Pierrette und Jean-Claude Marfour, immer nur Boogie genannt (er ist leider inzwischen verstorben), hatten uns für diese Hochzeit ihr grosses Haus zur Verfügung gestellt und es war eine grosses Fest mit einem gewaltigen Gewitter nach der Zeremonie! Mein Freund Axel hat das alles sehr genossen!

In diesem Jahr hat er mir auch wieder einen wichtigen Rat gegeben. Ich sollte den Antrag auf Rehabilitierung für mich und meine Eltern stellen. Das habe ich dann auch getan und nach einem Jahr Papierkrieg, Fotokopien und von weiss ich nicht wie vielen Telefonaten, kam dann der Beschluss vom Landgericht Berlin an. Mein Vater, Erich,Walter Wartenberg, verstorben am 03.März 1993, meine Mutter Paula, Herta, Klara Wartenberg, geb.Engel, verstorben am 13.Dezember 1985 und ich, Jirka, Klaus-Dieter Wartenberg wurde von der 51. Strafkammer des Landesgerichtes rehabilitiert und die Urteile gegen uns für rechtsstaatswidrig und aufgehoben erklärt!

Das war eine moralische und auch finanzielle Notwendigkeit, da ich auf Grund dieses Beschlusses Anspruch auf eine nachzuzahlende Entschädigung bekam. Im Jahre 2003 wurden mir  dann 20.400 DM (das hiess für jeden der 34 Monate Haft 600 DM abzüglich der schon zu Beginn gezahlten Eingliederungshilfe von 1.320 DM. = 19.080 DM oder 9.755,45 Euros) bezahlt!

Damit trat dann erst einmal wieder eine Pause mit der deutschen Administration ein. Wir näherten uns dem Frühjahr 2004, einem Jahr, das alles in meinem Leben noch einmal ändern sollte!