Teil 8 – Die Wiedervereinigung! Mit Schampus und Smoking auf der Autobahn

von Jirka Wartenberg | Meine Arbeit nahm mich voll und ganz in Anspruch und auf Grund des ewigen Unterwegsseins verschlechterte sich auch die Beziehung in unserer Ehegemeinschaft und noch einmal – ohne böse Worte und in gutem Einvernehmen – eine Scheidung, 1986. Wir haben bis heute immer noch einen guten Kontakt. Unsere Tochter Julie war damals 11 Jahre alt.

Die Spedition, bei der ich angestellt war, hatte damals eine direkte Transportlinie zwischen Cavaillon im Süden und Le Havre in der Normandie. Dort lernte ich dann Christine Ebert, eine hübsche Taxifahrerin kennen und ich bin bei ihr für vier Jahre eingezogen. Dann war Schluss und ich kam 1990 wieder „nach Hause“, nach Cavaillon!

Alleine zu sein, war noch nie mein Fall und eine 20 Jahre jüngere und hübsche Hélène Sarnette teilte mit mir die folgenden 9 Jahre das Leben. Mit ihrer Mutter Mary-Lou, ihren Schwestern Vally und Simone, sind die Beziehungen immer noch sehr nahe und stark. Hélène lebt nun seit einigen Jahren auf der karibischen Insel Guadaloupe und nach letzten Neuigkeiten erwartet sie mit ihrem neuen Partner Eric ein Baby für das Jahr 2010!

Anfang 1992 hatte mir Axel die Adresse meiner Schwester ausfindig gemacht, doch auf einem nächsten Berlinbesuch hat ein Treffen nicht geklappt. Ich erhielt dann einen Brief von ihr, in dem ich dann erfuhr, daß unsere Mutter gestorben war und auf einem Gemeindehügel in Baumschulenweg begraben sei. Das waren die letzten Nachrichten meiner Schwester Brigitte. Das letzte Mal, als ich sie sah, war das während des einzigen „Sprechers“ im Gefängnis in Cottbus.

Dann wurde ich 1993 im März von den zuständigen Behörden Berlin-Marzahn über den Tod meines Vaters, Walter Wartenberg, informiert. Dieser verfluchte Staat hatte meinen Vater in Gram sterben lassen und niemand wurde dafür zur Rechenschaft gezogen. Traurig und schändlich!

Um das Jahr 1996 herum fing ich an, immer öfter an meine Tochter Patricia zu denken. Axel, immer da, wenn ich ihn brauchte, hat mir im Handumdrehen Elkes Adresse beschafft. Sie lebte in München und ich hatte die Telefonnummer! Ich hatte schon während der letzten Jahre ein immer schlechteres Gewissen. Was würde meine Tochter von ihrem Vater halten, der nichts von sich hören liess (es waren 20 Jahre vergangen)? Ich wollte schon mehrere Male Anlauf für eine Kontaktaufnahme nehmen, aber aus „Feigheit“ habe ich das immer wieder hinausgeschoben. Jetzt konnte ich nicht mehr zurück! Also habe ich allen Mut zusammengenommen und in München angerufen!

Hallo?“, „Ja?“, „Der Jirka am Apparat“. Elke mit der überschwänglichen und lieben Art, die ich noch gut kannte, war völlig aus dem Häuschen: „Hey, wie geht es dir denn? Wir haben schon lange versucht, dich in Frankreich ausfindig zu machen und man hat uns gesagt, daß du irgendwo in LYON wärest“ (das stimmte nicht, da ich dort nie wohnte). Und dann ging es los: „Warte, hier ist Patty, die auf ihren Beinen herumhampelt und dich unbedingt sprechen will!“ Meine Tochter am Telefon! Dann: „Hallo Jirka“. Sie hörte nicht auf zu schwatzen und mir fiel ein Stein von Herzen, kein einziges böses Wort, nur die Zufriedenheit, endlich miteinander sprechen zu können.

Wir hatten anscheinend beide zu gleicher Zeit gefühlt, Neuigkeiten voneinander haben zu wollen! Elke sagte mir dann nur noch, das Patty wunderschön singen würde und das hat mich nicht verwundert – bei dem Papa! Wir hatten von nun an natürlich öfter Kontakt. Mit meiner Freundin haben wir dann mal ’ne Autoreise nach Österreich gemacht, ich glaube das war 94 oder 95 und sind auf dem Rückweg über München gefahren. Hatte wieder ein bischen Angst und ich habe nicht versucht, Elke und Patty zu treffen. Vielen Dank Herr Porsch!

Patricia ist dann nach Hamburg umgezogen, nahe der Binnenalster und des Stadtparks. Elke ist nach Berlin zurückgezogen und tanzte und sang im Theater des Westens am Bahnhof Zoo. Eine Gastspielreise hat sie sogar am Broadway bekannt gemacht. Von meiner ersten Frau Maggy und unserem Sohn Sascha keine Spur! Bei mir lief alles seinen geregelten Gang, meine 140.000 km im Jahr und immer noch 65 Kilo, schlank, braungebrannt und gerade mal kurz über 50 Jahre alt (sah aus wie 45 und fühlte mich sogar noch jünger).

Immer noch von der Musik der 60/70und 80-iger Jahre geprägt, habe die kalifornische Musik sehr gerne, Folkmusic und liebe die Balladen von Springsteen, Clapton. Alles, was mit lauten Gitarren und Krach zu tun hat, gefällt mir nicht (z.B Hardrock). Ich war schon immer ein Romantiker und liebe ruhige Musik. Zu meinen Lieblingsgruppen gehören vor allem The Eagles und Crosby, Stills, Nash & Young. Während meiner endlosen Stunden am Steuer war ich laufend am Hören. Um selbst wieder Musik zu machen, fehlte mir einfach die Zeit, selbst wenn ich mit der Gitarre und dem Klavier Fortschritte machte (Gibson Les Paul Custom und ein elektrisches Korg-Piano). Ich hatte natürlich auch eine Folkgitarre.

Wenn die Lust auf eine Currywurst mit Kartoffelsalat zu gross wurde, wusste ich, dass es Zeit war, ’ne Berlintour zu machen! Himmel,was hab‘ ich diese Würste gerne! Bin eigentlich alle anderthalb Jahre nach Berlin gefahren. So schön es hier in der Provence auch sein mag, Berlin zog mich doch immer wieder an! 

Die Wende! Mit Schampus und Smoking

9. November 1989: die Wende! Ich hab völlig  vergessen Ihnen zu sagen, daß das ein enormer Moment für mich war. Ich befand mich in dieser Nacht gegen 22:30 auf einer kleinen Strasse in der Normandie und hörte die Neuigkeit im Radio! Es regnete in Strömen und niemand weit und breit.

Ich hab den Laster gestoppt, Warnleuchten an und hab erst mal so richtig schön geweint. Die Summe der Dinge, von denen ich bisher berichtet habe, fiel mir wie eine grosse Dusche auf den Kopf und ich hab da einfach so rumgeheult und bereut, in diesem Augenblick nicht in meiner Stadt, in Berlin gewesen zu sein!

Weil ich schon immer Wert auf gute Kleidung legte, war ich für besondere Fälle in meinem 40-Tonnen Laster sogar mit einem Smoking ausgestattet. Den trug ich dann auch am nächsten Morgen in einem Fernfahrer-Stop und habe ’ne Flasche Champagner ausgegeben. Sie können sich sicher die Gesichter der übrigen Fahrer vorstellen: da kommt ein Riesenlaster (Damals war das eine 40-T-Scania-Zugmaschine und ein Hänger, total 20,4 Meter lang) auf den Parkplatz, strömender Regen, ein Typ mit einem Smoking und Lackschuhen steigt aus und gibt um 7Uhr 30 am frühen Morgen ’ne Pulle Champagner aus!

Das alles, nur um Ihnen zu sagen, daß ich an diesem Morgen sehr glücklich war. Ich wusste, daß das eines Tages passieren würde, ich hatte es damals schon meinen Stasi-Verhörern vorausgesagt und ich hoffte an diesem Tag, daß man nun abrechnen wird! Da hatte ich mich aber doch ein bischen geirrt.

Ja, von abrechnen kann keine Rede sein, da die ehemaligen Stasibosse heute sogar in hohen Positionen zu finden sind und die sich noch nicht einmal verstecken. Sie sprechen im Fernsehen so, daß man glaubt, daß sie das damals so machen mussten, denn es wurde ihnen ja schliesslich befohlen. Ich bin da jedesmal stinksauer, weil ich sicher bin, daß sie schuldig gegenüber dem Volke sind und bin auch sicher, daß an deren Rentenberechnung sicherlich nicht ein Tag fehlt!

Ja, im Sommer 97 wurde meine Tochter Patricia Mutter und bekam Zwillinge! Paul und Michel, meine ersten Enkelkinder. Ich war Opa! Wesentlich zu früh geboren, waren das „zwei kleine Ratten“ (jeder nur 1200 oder 1300 g). Ihr Überleben stand damals auf der Kippe, doch mit Hilfe der Liebe ihres Vaters Markus Voigt, der meiner Tochter und den Brutkästen haben es die beiden geschafft. Heute sind sie im 15. Lebensjahr und hervorragende Jungs! Ich bin stolz auf sie und habe sie lieb.

Noch eine Wiedervereinigung

Also bin ich mit meiner Tochter Julie, die inzwischen 20 Jahre alt war und ihre Halbschwester Patricia kennenlernen wollte, nach Hamburg gefahren und stand da nun zum ersten Mal nach 20 Jahren meiner Tochter und ihrer Familie gegenüber!

Ihrerseits hatte sie auch ihren Vater und ihre Schwester vor sich. So etwas gibt es eigentlich nur in Hollywood-Filmen. Wir waren auf jeden Fall froh, daß wir keinen Film sahen, sondern die Gegenwart erlebten! Von da an habe ich öfter vorbeigeschaut, um zu sehen, wie meine Enkelkinder aufwuchsen. In einer späteren Fahrt nach Berlin, zum Weihnachtsfest mit meiner Freundin Hélène und mit Julie, habe ich dann auch Elke wiedergesehen, die mich in einer Teestube in der Fasanenstrasse mit einem lauten: „na, du siehst ja alt aus!“ begrüsste, begleitet von ihrem unverkennlichen Lachen und wir fielen uns dann in die Arme!

Dann haben wir gequatscht und es war schade, daß Julie und meine Freundin nicht viel verstehen konnten. Na, machte ja nichts!

Dieses Weihnachtsfest verbrachte ich in Berlin-Lichterfelde mit Axel und mit einer anderen Elke, seiner grossen Liebe! Der Blödmann hat es nicht geschafft, sie zu behalten! Schade! Übrigens ich hab Hélène auch nicht halten können und war nun erst mal wieder allein!