Teil 7 – Mein drittes Leben: „Gott in Frankreich“

von Jirka Wartenberg | Ich lebte einen neuen Flirt und wie „Gott in Frankreich“. Peu à peu habe ich auch angefangen, mich in Französisch zu verständigen und die logische Folge meines Hierseins war dann die Hochzeit. Am 9. April 1977 heiratete ich Brigitte Treny in Arcachon, einer kleinen Stadt am Bassin von Arcachon am Atlantischen Ozean. Unsere Tochter, Julie, wurde am 21. Juli 1977 geboren. Ihr Patenonkel ist mein Freund Axel, der mit seiner Sabine und einem riesigen Teddybär anreiste.

Er hatte uns auch einen Fernseher mitgebracht, nur waren im Garten sehr hohe Kiefern und wir hatten keinen Empfang. Nur „Schnee“ auf dem Bildschirm. Bin sogar ganz nach oben in die Bäume geklettert, mit der Antenne auf dem Rücken, doch es war nichts zu machen. Letztendlich gab es eine ganz logische Erklärung dafür: die Bildschirmcharakteristik ist eine andere in Deutschland als in Frankreich! Der Fernseher konnte hier nicht funktionieren.

Wir wohnten damals direkt hinter der „Pyla-Düne“, mit 107 m die höchste Düne Europas. Sie liegt am südlichen Ausgangs des Bassins von Arcachon und öffnet einen Blick auf den weiten Atlantischen Ozean. Auf der nördlichen Seite des Bassinausgangs liegt Cap Ferret, von dort kann man sich 6.000 km geradeaus die amerikanische Ostküste vorstellen. Riesige Wellen, die bei den „Grandes marées d’équinoxe (Hochgezeiten) leicht bis 15m und mehr hoch sein können. Baden muss man dort mit sehr viel Vorsicht und niemals bei Ebbe rausschwimmen. Man ertrinkt ohne Frage.

Ich besaß damals auch eine Pinasse. Das ist ein 10m langes Fischerboot, mit dem man dort bei Ebbe die Austern im Bassin von Arcachon einsammelt. Austern kannte ich bislang nicht, doch sie sind jetzt für mich nicht mehr zu missen. Ich hatte das Boot für die Privatnutzung umgerüstet und viel Spass auf dem 140 Quadratkilometer grossen Bassin gehabt.

Nach einiger Zeit war dann die erste „Ente“, eine 2CV6, im Haus. Ein wirklich lustiges Auto. Unverwüstlich, sprang immer an, kam überall durch und schaffte trotz des kleinen 2Cylinder-Motors immerhin 125 km/h. Wir blieben in Arcachon noch ungefähr ein Jahr und zogen dann auf Grund von Schwierigkeiten im Job meiner Frau in die Lot & Garonne, ein Département im Südwesten Frankreichs. Unser kleines Dorf hiess Beauville (sprich: Boville). Wir lebten im Hause meiner Schwiegereltern, Maxime et Ginette Treny. Ich habe dort ein Antiquitätengeschäft eröffnet und lernte, 200 Jahre alte oder sogar noch ältere Möbel zu restaurieren. Eine angenehme Arbeit, die mir sehr viel Spass gemacht hat.

Die Gegend dort ist  ziemlich feucht im Herbst und im Winter und kleine Lungenprobleme unserer Tochter zwangen uns, in wärmere und trockene Gefilde zu ziehen und so sind wir Ende der 70-iger Jahre in der französischen Provence angekommen. Le Thor, nahe bei Cavaillon, 20 km östlich von Avignon, war die erste Station.

Wir wohnten dort in einem alten Haus aus dem 12.Jahrhundert am Fusse der Colline de Thouzon. Die Besitzer waren Schweizer, die diese Ferme restauriert hatten und wir bewohnten einen Teil. Sie war im 12. Jahrhundert das Zentrum der Unterkünfte der Diener und Untertanen des Schlossherren, der seine Burg oben auf der Colline hatte. Heute gibt es da nur noch Ruinenreste, Vipern und kleine Skorpione!

Zu dieser Zeit begann eine 24 Jahre dauernde Fernfahrertätigkeit. Da ich alle Führerscheine hatte, fing ich an, mit 40-Tonnen Sattelschleppern rumzufahren. Zuerst nur in Frankreich und später in ganz Europa. Habe so ziemlich alles sehen können. Ausser in Skandinavien und Irland war ich überall. Mein Französisch wurde immer besser, mit meinen Englischkenntnissen und mit meinem Deutsch hatte ich nirgendwo Sprachschwierigkeiten. Es war eine angnehme, doch sehr harte Arbeit. Angestellt von einem Fuhrunternehmen in Cavaillon, dessen Region als grösster Umschlagplatz für Obst und Gemüse in Frankreich gilt, hatten wir wegen des Frischhaltens fast keine Zeit zu schlafen. Manchmal nur 2 Stunden in der Woche! Doch ich war jung und holte den Schlaf an einem Sonnabendnachmittag wieder auf.

Vor dem Gericht in Cavaillon wurde mir am 22. Juli 1982 par Déclaration des Richters die Französische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Das war auf Grund der Heirat mit einer Französin möglich. Ich war stolz, ist Frankreich doch das Land, das sich für Menschenrechte überall starkmacht. Meine 30 Jahre in Deutschland fielen immer mehr in Vergessenheit. Ich hatte, ausser mit meinem Freund Axel und Ex-Frau Elke keine Kontakte mehr in Berlin. Mit Elke war ich nach unserer Scheidung übereingekommen, daß sie sich um die Erziehung unserer Tochter Patricia kümmern würde und ich würde nicht ein „Geburtstags-, Weihnachts- oder Osterpapa“ werden. Dann war erstmal völlige Funkstille.

Ich wusste nicht, wo meine Eltern und meine Schwester wohnten und auch keiner hat versucht, mich auf irgendeine Art und Weise ausfindig zu machen! Doch weil ich innerlich irgendwo Deutscher geblieben bin und weil für mich immer alles schön geordnet sein musste, fand ich es nötig, mich aus der deutschen Staatsbürgerschaft abzumelden. Übrigens, mit meiner Heirat und mit der Annahme der französischen Staatsbürgerschaft, verlor ich automatisch die Deutsche. Ich wollte das aber ganz offiziell tun, bin auf die deutsche Botschaft in Marseille gegangen und habe meinen Pass zurückgegeben!