Teil 5 – Rien ne va plus! Oder doch?

von Jirka WartenbergElke und ich hatten bemerkt, daß die lange Zeit der Trennung, die Erfahrungen, die jeder von uns Beiden auf seiner Seite gemacht hatte, eine Barrière zwischen uns aufzubauen begann. Nichts war bösartig, nein, einfach nur zwei Welten, die aufeinander stiessen. Es sah so aus, als ob diese verfluchte DDR sogar noch hier auf der anderen Seite einen Tribut abfordern würde.Ich meinerseits war auch hungrig mich umzugucken, zuviel Zeit hatte ich davon geträumt.

Berlin, Berlin. Ich fahre nach Berlin!

Ich hatte Nachrichten von Hans-Jürgen Malkowski, dem ehemaligen Nachbar in Ost-Berlin bekommen und so bin ich einfach nach Berlin gefahren. Jürgen gab mir erstmal eine vorläufige Unterkunft und zeigte mir die Stadt, präsentierte mich Freunden.

Ich bekam so die ersten Eindrücke von West-Berlin, wo ich seit 1961 nicht mehr gewesen war. Auf der anderen Seite war ich doch immer mißtrauisch, waren Jürgen und Marina doch einige der wenigen, die über mein Fluchtvorhaben wussten. Er versicherte mir jedes Mal, daß sie damit nichts zu tun gehabt hätten. Nun ja, werden wir später sehen. Jürgen arbeitete damals beim Axel Springer Verlag und stellte mir bald einen Kollegen vor: Axel Porsch.

Zwischen uns beiden lief das sofort sehr gut und es begann eine Freundschaft, die Beste, die bis heute andauert. Dank seiner Kenntnisse wird diese Webseite aufgebaut und organisiert. Er hat das sehr gut gemacht. Bei der Beschreibung meiner folgenden 35 Lebensjahre werden Sie noch oft auf seinen Namen stoßen, doch erst einmal zurück nach Berlin. Axel nahm mich dann in seiner Wohnung auf, er wohnte damals in der Wulffstraße in Steglitz mit seiner Freundin Sabine, seiner „Erstverlobten“, einer späteren Lehrerin. Sie war sehr sympathisch.

Wir haben uns in der nächsten Zeit oft unterhalten, die Einzelheiten meiner Flucht, meine Vergangenheit als Musiker, wie sah Ost-Berlin aus und das ganze Land rund herum, meine Ehe mit Elke. Das war für die beiden alles neu und interessant. Axel hat mir viel geholfen, um endlich einen Bundesdeutschen Reisepass und auch einen neuen Versicherungsausweis zu bekommen. Langsam fing ich an, wieder ein „ganzer“ Mensch zu werden. Vor allem mit meinem ersten roten VW Käfer für 300 DM.

Da ich ja nun einen deutschen Paß hatte, bin ich mit ein wenig Angst doch an den Übergang Bornholmer Strasse gefahren, um meine Eltern zu sehen. Ich wurde aber abgewiesen. Zwei, drei Wochen später habe ich es wieder versucht und sie ließen mich reinfahren. Um das Rauskommen habe ich mir absolut keine Sorgen gemacht, darin hatte ich ja schließlich eine „gewisse“ Erfahrung.

Also stand ich plötzlich vor der Tür meiner Eltern in der Brehmestraße 57 in Pankow. Es war schön und schlimm zu gleicher Zeit. Sie waren voller Grimm und kamen mit dem Erlebten garnicht zurecht. Mein Vater war aus seinem Betrieb Bergmann-Borsig geworfen worden und sie lebten mit einer mageren Rente. Doch mein Vater hatte von einer früheren Erbschaft nach dem Tode meines Opas aus West-Berlin, die ihm im Laufe seiner Verurteilung zur Beihilfe meines Republikfluchtvorhabens entzogen wurde, doch noch einiges verstecken können und hat mir als Begrüßungsgeschenk eine goldene Armbanduhr gegeben. Ich fühlte trotzdem, daß die Frage eines „Schuldhabens“ in der Luft hing, die Schuld für all das, was sie erleben und durchstehen mußten, mir zuzuschreiben sei.

Sie hatten nicht geschafft, die Machenschaften und die Skrupellosigkeit dieses Oststaates einzuschätzen. Es tat mir natürlich unendlich leid und ich habe noch öfter versucht, ihnen meine Beweggründe darzulegen und sie gebeten, einen Aussiedlungsantrag zu stellen. Ich war fast sicher, daß der genehmigt würde, da meine Eltern jetzt überhaupt kein Interesse mehr für diesen Staat darstellten. Leider vergeblich.

In diesen kurzen Wochen habe ich versucht, einige ehemalige Freunde zu finden. Ich habe einige Besuche im Friedrichstadtpalast gemacht und wurde dort ziemlich schräg angesehen, denn auch die nahmen Elke und mir übel, die DDR mit einem „Trick“ verlassen zu haben und daß ihnen dies wahrscheinlich Schwierigkeiten bereitet hatte.

Mir war das schnurzpiepegal. Ich habe meine Mutter in einem Triumph TR 6 in Ost-Berlin spazierengefahren (eines der damaligen Autos von meinem Freund Axel) und in diesem Cabriolet hat es ihr sehr viel Spaß gemacht. Das war das letzte Mal, daß ich sie gesehen habe, denn einige Tage später wurde mir der Besuch in Ost-Berlin verweigert. Ich wurde als „unerwünschte Person“ an der Grenze zurückgewiesen.

Der Computer hat fast 6 Wochen gebraucht, um meinen Status als ehemaliger politischer Häftling an den Grenzübergangstellen klar zu machen. Schluß-Aus-Punkt. Von jetzt an konnte ich nicht mehr nach Ost-Berlin fahren. Das war am Anfang  des Jahres 1976, vor fast 35 Jahren. Erst sehr viel später habe ich erfahren, daß meine Mutter und mein Vater verstorben sind. Als letzter mein Vater. Ich wußte nicht, wo sie begraben waren. Auch erst viel später habe ich versucht meine Schwester Brigitte wiederzufinden – Süße, falls du das irgendwann mal lesen solltest – ruf mich an, bitte: 0033 629 11 70 36.

Ihre Nachbarn wollten mir absolut keine Auskunft über sie geben. Ich hatte mich ihnen gegenüber ausgewiesen, doch immer wieder die „alte Schule“. Die drei Affen: nichts hören, nichts sehen und nichts sagen.

Die Stasi war immer gegenwärtig. Zu alledem mußte ich auch noch erfahren, daß mein Vater nicht mein leiblicher Vater war und daß meine Schwester Brigitte, daher meine Halbschwester ist. Der Gram meines Vaters über die Geschehnisse, die Anfang der 70-iger Jahre auf ihn einschlugen, hat ihn sogar dazu gebracht, mich in seinem Testament zu enterben. Das erfüllt mich mit Bitterkeit und Traurigkeit für meinen Vater und meine Mutter, weil sie leider nicht den richtigen Klarblick hatten, um mit dieser unangenehmen Situation klarzukommen. Noch ein Tribut, den dieser ehemalige DDR-Scheißstaat von uns forderte.

Es wäre gut zu wissen, wer alles für die Zersplitterung einer Familie, für den Gram, die Krankheiten und für den Tod meiner Eltern, für den Verlust meiner Schwester, meiner Tochter Patty, meiner Frau Elke (Scheidung in gutem Einvernehmen, doch trotzdem Scheidung, im Mai 76), meiner ersten Ehefrau, Maggy, unseres Sohnes Sascha und auch für die Jahre hinter Gittern, für den Verlust meiner Karriere, verantwortlich zeichnen muß, denn all das ist wirklich schmutzig und ich hoffe, daß die Zeit mir darüber Antwort geben wird.