Teil 4 – Endlich frei, endlich im Westen!

von Jirka Wartenberg | Es war geschafft! Nach ungefähr 10 Kilometern hielt der Bus auf einem Rastplatz an. Ich erinnere mich noch heute an den Geruch: Benzingeruch einer blau-weißen ARAL-Tankstelle. Gegenüber dem Fieselbenzin aus dem Osten roch das wie Parfum. Wir stiegen aus, schauten uns an und fielen uns alle in die Arme. Namen wurden ausgetauscht, die Frauen versuchten Neuigkeiten ihrer Männer zu bekommen und umgekehrt fragten die Männer nach ihren Frauen…Es war einfach unbeschreiblich:

Wir waren frei!

Das Deutsche Rote Kreuz, das vor Ort war, verteilte Papiertüten mit Sandwiches, Früchten, Obst und Zigaretten und jedem von uns wurden 10 Deutsche Mark übergeben (richtige Westmark). Dann fuhren wir in Richtung Gießen. Der Bus war jetzt mit einem Frankfurter Kennzeichen ausgestattet. Wir kamen so gegen 21 Uhr an und wurden sehr freundlich empfangen. Uns wurden Zimmer zugeteilt und wir konnten machen, was wir wünschten. Man bat uns nur am nächsten Morgen für 9 Uhr bereit zu sein, um alle „Formalitäten“ zu erledigen. Mit einigen Freunden sind wir dann zu Fuß in die Stadt gezogen. Es war schon 22 Uhr, doch eine Bar war geöffnet – der Kumpel kannte das wahrscheinlich. Fast alles Geld wurde in Biere umgesetzt. Der Rückweg war ein bißchen schwierig.

Fragen über Fragen

Der nächste Morgen. Ich wurde in einen Raum gebeten. Vor mir 4 Herren an einem Tisch. Vor dem Tisch ein Stuhl – der war für mich. CIA! Die folgenden Fragen kamen wie Maschinenpistolenschüsse auf mich zu: „sind sie ein Stasi-Agent? Wer sind ihre Mitarbeiter? Wer ist ihr Chef? Haben Sie den Weg über das Gefängnis benutzt, um Spionage in der Bundesrepublik auszuüben?”, usw., usw.

Nach 15 Minuten war Schluss. Wesentlich ruhiger: „Nun erzählen Sie uns mal, wie das alles abgelaufen ist“. Das dauerte den ganzen Vormittag und dann: Goodbye!

War schon ziemlich hart aber doch irgendwie hatte ich so etwas erwartet. Mittagessen. Dann wieder ein Raum, 4 Herren, ein Tisch und der Stuhl, der natürlich für mich war. Foreign Office. Dann ging das alles von vorne los. Ende des Nachmittages war ich wieder „frei“. Abends, mit dem Rest der 10 D-Mark wieder einige Bierchen und in die Kusche. Am nächsten Mogen ein Raum, 4 Herren: Deuxième Bureau.

Nach den Amerikanernn, den Engländern, nun also auch noch die Franzosen. Ein kleiner Unterschied, die Fragen stellte nun ich: „Bin ich in der BRD?”, „Oui“, „bin ich frei?“, „Oui“. „Kann ich jetzt endlich meine Tochter und meine Frau wiederfinden?“ – „Oui“. Also: „Au- revoir Messieurs“. Ich stand auf und bin einfach rausgegangen. Das war meine Periode mit den Geheimdiensten!

Den Rest des Tages lagen alle bürokratischen Dinge an. Aufnahmeausweis und eine Zugfahrkarte nach Göttingen, meine Frau wohnte damals in der Nachbarschaft ihrer Eltern in Duderstadt, nahe bei Göttingen. Anfang Nachmittag los in Richtung „nach Hause“. Ich habe mir die Nase an der Fensterscheibe plattgedrückt, um so viel wie möglich von der Landschaft aufzunehmen. Meine Schwiegermutter erwartete mich am Bahnhof in Göttingen. Herzliches Wiedersehen nach vielen Jahren. Alles war herrlich, alle Menschen waren schön, viel Licht, Reklame, ein wundervoller Westbahnhof.

Was für ein Wiedersehen!

Ilse Rieckhoff hatte ein Taxi gemietet und so genoß ich die erste Fahrt in einem Mercedes 280, die erste in meinem Leben. Ich habe mir viele Jahre später den gleichen gekauft – vielleicht nur eine Frage der Nostalgie. Dann kamen wir in Duderstadt an und ich sah meine Tochter Patricia nach Jahren wieder. Was für ein besonderer Augenblick! Meine Frau Elke war leider nicht da. Sie hatte damals ein Engagement im Hamburg und hatte sich nicht freimachen können. Ich war enttäuscht, doch es war ja verständlich, sie hatte erst zwei Tage vorher von meiner Freilassung erfahren. Abendbrot und erzählen.

Dann eine Überraschung. Es klingelte gegen 22 Uhr et voilà: meine Elke stürzte in die Wohnung. Was für ein Wiedersehen! Tränen, Lachen, alles in dieser Reihenfolge (und umgekehrt). Wir haben uns unsere letzten Jahre bis in den frühen Morgen hinein erzählt. Hervorragend. Ihr Bruder Bernd kam dann auch noch und Elke mußte leider nach zwei Tagen wieder zurück nach Hamburg. Sie hat sich dann ein wenig später Urlaub genommen und dann waren wir die erste richtige Zeit  zusammen. Elke schenkte mir eine Gitarre und das wurde für mich auf unerwartete Weise zu einem Alptraum.

Ich hatte fast alles vergessen. Meine Finger haben mir nicht mehr gehorcht – ich würde wohl von vorne anfangen müssen. Dann die administrativen Wege… Auf Grund der Verfügung des Regierungspräsidenten in Hildesheim wurde mir Anfang November nach dem Häftlingshilfegesetz eine Eingliederungshilfe von DM 1.320,- ausgezahlt und ich erhielt den Ausweis C für Vertriebene und Flüchtlinge. Das war’s denn erst einmal.