Teil 3 – Der Anfang vom Ende

von Jirka Wartenberg | KNOCK, KNOCK, KNOCK:  „Dürfen wir reinkommen?“  Zwei Herren, einer mit der Hand in der inneren Manteltasche und der andere sehr freundlich lächelnd standen vor meiner Wohnungstür in der Marienstrasse. Verschlafen und nur im Slip, die Wohnung gerade in vollen Umarbeitungen, stimmte ich zu. Ich wurde aufgefordert, mit ihnen mitzugehen und meine Frage nach Gründen, wurde nicht beantwortet. Man hätte mir da einige Fragen zu stellen. Die ironische Frage meinerseits, vielleicht eine Zahnbürste mitzunehmen wurde mit : „Nee, die brauchen se nich!“ beantwortet.

Die Stasi kam zu Besuch

Eine kurze Autofahrt ohne Unterhaltung und ich kam in irgendein schlichtes Büro in Berlin-Mitte. Ein ruhiger Typ mit einem Schmunzeln auf den Lippen bat mich, ihm nun alles zu erzählen. Ich spielte eine kleine Zeit den „Doofen“ und fragte, ob er nicht vielleicht ein „Stichwort“ hätte. Hatte er! Sogar mehrere: AutobahnKurveMercedes24. JanuarWegner… –  und ein Lächeln zum Abschluss!

Es war 7 Uhr morgens und mir war natürlich sofort klar, daß es hier nichts mehr zu leugnen gab und das die „Stasi“ über alle Einzelheiten informiert sein musste. Wie und woher – darüber machte ich mir in diesem Augenblick noch keine Gedanken.

Doch wo anfangen? Der Vernehmer fand, daß die Flucht meiner Ehefrau ein guter Anfang sei und ich nahm von nun an kein Blatt mehr vor den Mund. Ich hoffte, daß sie über meine Eltern nichts wussten und ließ sie aus diesem Grund bei allen Aussagen heraus. Das dauerte nun den ganzen Tag und gegen 18 Uhr wurde ich gebeten, meinen Gürtel und die Schnürsenkel abzulegen, meine Taschen zu leeren und ich wurde verbal anklagt, schweren Staatsverrat begangen, Verbindung mit staatsfeindlichen Elementen aufgenommen zu haben und eine Republikflucht in schwerem Falle geplant zu haben. „Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan“ und konnte abgeführt werden!

Ich war sicher, daß ich nun ins Gefängnis musste (Die Bezeichnung „Knast“ mag ich nicht, diese ist für Menschen, die wirkliche Strafen verbüßen sollten, dazu zählte ich mich nicht).

Ja, ab ging es ins Stasiuntersuchungsgefängnis in der Nähe vom S-Bahnhof  Pankow.

Eine Zelle, 2 Meter breit und ungefähr 4,5 Meter lang, ein Klo, ein Waschbecken und an der Wand 2 hochgeklappte Feldbetten und… ein ganz kleines Fensterchen mit Sicherheitsstäben hoch oben, kurz vor der Decke.

Bumm! Tür zu. Schluss. Aus! In meinem Kopf ging alles durcheinander! Angst, Tränen: Was wird nun werden? Wie kann ich jemanden benachrichtigen? Was wird aus meiner Wohnung, meinen Sachen und was wird vor allem aus meinen Eltern? Was werden die Atlantics so schnell ohne mich machen, werden sie auch Schwierigkeiten bekommen? Woher wusste die Stasi um all die Einzelheiten?

Ich glaubte keinen Augenblick an einen Verrat einer der Personen, die über meine Absicht informiert waren. Da musste noch jemand anders sein! Wer? Und so weiter und so weiter! Neue, beängstigende Geräusche, die Klappe von einem Guckauge in der Zellentür alle 30 Sekunden mit viel Krach weggeschoben und ein riesiges Auge, das mich lange und eindringend beobachtete und das die ganze folgende Nacht hindurch.

Ich erinnere mich nicht, ob ich zu Schlaf gekommen bin, ich weiß nur, daß ich Durst nach Neuigkeiten hatte. Ich hoffte vielleicht sogar, dass sie mich wieder laufen lassen würden, ich hatte ja schließlich überhaupt nichts getan. Da hatte ich allerdings die Rechnung ohne den Wirt (sprich: ohne die Stasi) gemacht.

Verhöre im Stasiuntersuchungsgefängnis Pankow

Am nächsten Morgen ging es dann los: Das erste von unzähligen Verhören. Von 9 Uhr bis Mittags und von 14 Uhr bis manchmal 20 Uhr. Diesen Stasimenschen werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen! Mal süß, mal sauer und auch manchmal süßsauer, doch mit einer Informationsquelle ausgestattet, gegenüber der ich völlig machtlos dastand.

Jeden Tag neue, präzise Fragen. Wir lieferten uns geistigen „Turnübungen“ aus, die auf hohem Niveau stattfanden. Er war nicht blöd und ich, auf meiner Seite, konnte mit der deutschen Sprache ziemlich gut umgehen (in der Schule hatte ich immer sehr gute Noten). Nach außen hin war er natürlich immer Sieger, doch einige Male habe ich ihn schon aus seiner kalten Reserve gelockt und konnte auch einige Pluspunkte verbuchen.

Wieder allein in meiner Zelle war ich mir natürlich weniger sicher. Hatte ich zu viel gesagt, wäre es besser zu schwindeln? Letztendlich entschloss ich mich, als ein absoluter, unwiderruflicher Gegner dieses kommunistischen Regimes aufzutreten und von diesem Augenblick an hatten seine Drohungen im Hinblick auf Straflänge, Besitzentzug etc. keinen Einfluss mehr auf mich.

Nach der Aussage des Vernehmers hatte Elke sicherlich schon einen neuen Mann im Westen, die würde doch auf mich sowieso nicht warten wollen usw., usw.

Äußerlich prallte das alles von mir ab, doch wie schon gesagt: in der Zelle allein?

Woche um Woche kamen neue Dinge hinzu. Die Anklage für aktive Mithilfe meiner Eltern wurde mir mitgeteilt (einer der schlimmsten Tage in dieser Untersuchungshaft) a propos Untersuchungshaft: in diesem „Staat“ gab es keinen Rechtanwalt, keine maximal 48 Stunden – Untersuchung (wie in allen anderen Ländern der Welt), in der DDR ging das, solange sie wollten.

Ich musste Beurteilungen über Freunde schreiben, z.B. über Bernd Emich und auch Johannes Biebl.

Jedenfalls gingen diese Verhöre immer weiter, ich unterschrieb Vollmachten über den Einzug meines gesamten Privatbesitzes, meines Autos, meiner Möbel usw. Ich musste auch leider feststellen, daß die beiden Westdeutschen, Wegner und Wunderlich, ebenfalls verhaftet wurden und im gleichen Gefängnis wie ich waren. Jeden Abend hörte man Leute laut aus ihren kleinen Fenstern rufen, um Angehörige oder Freunde zu finden. In diesem Rahmen erfuhr ich auch die Anwesenheit der beiden Schleuser. Ein neuer Stich ins Herz.

Im Verlaufe des Sommers wurde mir dann jemand in meine Zelle zugelegt. Er hieß Christian, war Doktor und gehörte den „Siebentags Adventisten“ an, einer speziellen evangelischen Glaubensrichtung. Endlich konnte ich mit jemanden reden und wir hatten als gemeinsames Interesse das Lesen des Alten und des Neuen Testamentes (das einzige Buch, das mir während dieser Untersuchungshaft zugestanden wurde).

Selbst evangelisch erzogen (mit Einsegnung usw), hatte ich zum ersten Male in meinem Leben die Gelegenheit, mich in der Bibel umzugucken (als Kind war es ja nur der Katechismus). Ich muss sagen, daß das mir das damals eine große Hilfe war und mir Stärke und Mut gab. Ich glaube, dass viele Menschen in schweren Augenblicken im Glauben Hilfe suchen und Erleichterung erfahren können. Bei mir war das so und dazu kommt, daß sich mir die biblischen Zitate und Ereignisse mit einer erstaunlichen Einfachheit offenbarten. Ich ging sogar soweit, diesen Wandel in meinem Glauben meinem Verhörer mitzuteilen und bat ihn, dies zur Kenntnis zu nehmen.

Dann ein plötzliches, ungewöhnliches Verhör (an einem Sonntag!) : „Haben Sie vergessen, mir einige Dinge zu Herrn Emich mitzuteilen?“ Nach allem, was aus den folgenden Befragungen hervorging, vom wütenden Benehmen des Verhörmenschens, wurde mir klar, das Bernd Emich ihnen anscheinend entwischt war… Er war abgehauen in den Westen!

Ein anderes Ereignis, ebenso ungewöhnlich, ließ darauf schließen, daß es Marina und Jürgen Malkowski ebenfalls gelungen war, dieses Land zu verlassen. Ich war darüber natürlich sehr froh und es machte mir ein riesiges Vergnügen, das vor meinem Verhörer zu zeigen. Resultat: 2 Wochen Bibelentzug!

Mir war jedenfalls klar, dass ich eine Gefängnisstrafe verbüßen werde, hatte aber sehr viel mehr Angst um meine Eltern.

Der Name: Dr. Vogel (Beauftragter Verteidiger der Bundesrepublik von politischen Gefangenen) und das Wort „Aussiedlungsantrag“ wurden täglich aus den Zellenfenstern gerufen.

Ich bekam einen Zellengenossen, der ja wesentlich später zu mir kam (sein Bruder Erhardt und ihre beiden Ehefrauen wurden auch wegen versuchter Republikflucht verhaftet und ihre Kinder wurden ihnen erst einmal entzogen!) war natürlich auch in einer großen seelischen Verzweiflung. Er konnte mir aber einige genauere Hinweise auf Dr. Vogel und auf einen Ausreiseantrag geben.

Keine Verhöre während mehrerer Tage!

Meine Untersuchungshaft war anscheinend beendet und dem war auch so. In den 4 oder 5 dicken Heftern der Verhöre war genug drin, mich für die vom „Gesetz“ vorgesehene Maximalstrafe, das heißt: 10 Jahre, zu verurteilen.

Am 2. Oktober 1973 wurde ich dann ins Rote Rathaus, in eine Zelle gebracht und bekam „Besuch“ vom offiziell zugestellten Rechtsanwalt (Verteidiger). Er fragte mich, ob es mir gut ginge und daß er leider kein „Recht“ hätte, mit mir über meinen Fall zu sprechen!

Dann das Verfahren selbst: 5 oder 6 Personen auf einem Podium (Die Ankläger und die Richter). Mit Handschellen hereingebracht, sah ich als erstes meine Mutter und meinen Vater auf der Anklagebank! Mir war wirklich sehr heiß und man wies mich an, mich 10m weg von ihnen zu setzen.

Dann begann der Prozess!

Die Anklage wurde verlesen und nachdem, was die dort sagten, blieb mir fast nichts anderes übrig, als mich zu schämen, geboren zu sein!!! Das gleiche galt auch für meine Eltern. Nach dem Vorlesen wurde unser „Verteidiger“ um seine Meinung gefragt. Antwort:

„Herr Vorsitzender, ich stimme in allen Punkten mit Ihnen überein!!!“ Eine Farce, eine Schmierenkomödie!

Das Urteil

Herr Jirka Rieckhoff, geb. Wartenberg:
Der Staat verurteilt Sie zu 3 Jahren und 4 Monaten Haft!

Herr Walter Wartenberg: 
Der Staat verurteilt Sie zu 1 Jahr und 4 Monaten Haft, einer Geldstrafe von 10.000 Mark und den Einzug Ihres PKW Polski Fiat!

Frau Paula Wartenberg, geb. Engel:
Der Staat verurteilt Sie zu 1 Jahr Haft auf Bewährung!

Für mich stürzte eine Welt ein und für meine Eltern war ihr Leben verpfuscht. Mein Schuldbewusstsein lag mir schwer auf dem Herzen, trotzdem war ich sicher, das Menschen in einer Zeit des Friedens so etwas nicht verdienen und das den Leuten, die ein derart absurdes System erfunden haben, das Handwerk gelegt werden muss und ich war auch sicher, daß das alles irgend einmal ein Ende finden würde.

Nun, man musste bis 1989 warten, doch ich hatte schon damals Recht.

Der Preis, den meine Familie und ich bezahlten, war hoch, wie hoch, wusste ich an diesem Tag noch nicht, doch auch noch heute stehe ich aufrecht in meinen Stiefeln!

Bevor ich in die Haftanstalt Cottbus verlegt wurde, um meine Strafe abzubüssen, wurde mir auf mein Anliegen hin am 18. Oktober 1973 gestattet, einen „Antrag auf Aberkennung der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik und Umsiedlung in die Bundesrepublik“ zu stellen.

Dieser Antrag wurde in meinen Akten festgehalten und ich war sehr zuversichtlich. Alles wurde eine Frage der Zeit… Ich weiß, daß ich an diesem Tag gut geschlafen habe und hoffte, bald nach „drüben“ zu kommen!

Meine Zeit im Gefängnis Cottbus

Ende November 1973 wurde ich dann in die Vollzugsanstalt Cottbus verlegt. Auf dem Wege dahin haben wir irgendwo in einem anderen Gefängnis Zwischenhalt gemacht, wo Häftlinge aus anderen Gefängnissen „zusammengetrieben“ wurden. Bei dem Rundgang, der uns gestattet wurde, traf ich auf meinen Vater! Er musste sich selbst dort einstellen und wartete auch auf seinen Transport zur Vollziehung seiner „Strafe“.

Das war eine absolut unwirkliche Begegnung und wir hatten nur sehr wenig Zeit miteinander zu sprechen. Er war völlig verloren und verstand die Welt nicht mehr. Ein Mann, der sein ganzes Leben lang gearbeitet hatte, fast nie krank war, dem man seine Arbeit weggenommen hatte und der jetzt ins Gefângnis musste, weil er das Fluchtvorhaben seines Sohnes nicht angezeigt hatte!

Ich versuchte in diesen kurzen Minuten nicht, mich zu rechtfertigen und habe nur versucht, ihm Mut zuzusprechen. Wir wurden dann getrennt und in unsere Gefängnisse gebracht. Ich nach Cottbus.

Zwei Schleusendurchfahrten und Entzug aller persönlichen Dinge (Ringe, Ketten, Geld usw). Dann ging es zum Empfang aller nötigen Sachen für den Einzug in die Zelle. Das alles durch Gänge mit Türen und kahlen Wänden, begleitet vom unaufhörlichen Gebrülle der sogenannten Schliesser, die mit ihren Schlüsselbunden wie Cowboys wirken wollten. Dann kam der Chef, ein Leutnant, der für unseren Trakt verantwortlich war.

Seine Rede sagte im Grossen und im Ganzen, dass wir Schwerverbrecher wären, diesen Staat, der uns an seine Brust genommen hatte, verraten hätten und daß wir von nun an absolut keine Rechte mehr besässen und das jeder Verstoss gegen die Anstaltsordnung schwer bestraft werde!

Dann Tür auf und unsere Zelle tat sich vor uns auf: 4 Dreistockbetten aus Eisen mit der berüchtigten blauweissen Karowäsche, ein Tisch mit zwölf Hockern, ein Waschbecken und zum Glück ein verschliessbares Klo.

Dann guckten wir zum Fenster oder auf das, was davon übrig geblieben war: mit Gittern versehen – normal in einem Gefängnis, weniger normal war die Blechverkleidung, die kein Tageslicht durchliess. Es blieb nur die spärliche Glühbirne an der Decke. Also  hinein und erst einmal Tür zu.

In den Gesichtern von uns allen spiegelte sich unsere Hilflosigkeit, die Unwirklichkeit des Augenblickes und die Angst wider. In diesem Augenblick hatten wir absolut keine Ahnung, was aus uns werden könnte. Nach diesen ersten Eindrücken haben wir uns einander vorgestellt. Soweit ich mich entsinne, waren es sechs oder sieben Ärzte, zwei oder drei Facharbeiter und ich als Musiker.

Jeder von uns war auf Grund des Paragraphen 213 wegen Fluchtversuches verurteilt worden, jeder von uns hatte ein besonderes Leid zu tragen. Fast alle hatten Frauen, die in Bautzen gefangengehalten wurden, einige hatten Kinder, die entweder von den Grosseltern betreut wurden oder ihnen einfach weggenommen wurden und in irgendwelchen Heimen versteckt waren.

Wie können Menschen so etwas tun? Uns war allen klar, daß wir hier so schnell nicht wieder rauskommen würden. Wir hatten alle unseren Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik gestellt und hofften, daß diesem Antrag (wenn überhaupt) vor Ablauf unserer vom Urteil festgelegten Strafzeit stattgegeben würde. Mit meinen drei Jahren und vier Monaten lag ich so richtig in der Mitte. Von meiner Kindheit an war ich eigentlich immer in der Lage, mich gegebenen Umständen anpassen zu können, um einfach jeweils das Beste daraus zu machen und ich hatte die feste Absicht, das auch hier zu tun!

Jetzt galt es nicht durchzudrehen, den Kopf klar zu halten und vor allem gesund zu bleiben. Mir ist das auch soweit gelungen, ausser das mir sieben Zähne gezogen wurden, da die Visiten beim Zahnarzt immer zu spät kamen. In dieser Zeit habe ich angefangen, selbst die jüngste Vergangenheit in meinen Gedanken zu verdrängen und versuchte, mit dem Träumen von der Zukunft meine Ehre und Ruhe zu bewahren. Ich hatte festgestellt, dass mein Hiersein eine ganz logische Folge meines vorherigen Denkens war, denn schon als Kind spürte ich, daß etwas faul in diesem Staate Dänemark war und Ungerechtigkeit hat mich schon immer aufgewühlt.

Ich war nicht glücklich, mich an diesem Ort zu befinden, doch ich war mir eines guten Ausganges sicher. Es war nur eine Frage der Zeit! Ich möchte nicht im Einzelnen über meine Haftzeit berichten. Der tägliche Alltag bestand aus: Rein,Raus, Arbeiten in drei Schichten für die Firma Pentacon, 2 mal duschen in der Woche, schreienden, grossmäuligen Schliessern, Einkauf mit den ungefähr 6 Mark im Monat (Tabak, Milch, vielleicht auch ein Stück Butter), einmal täglich ein 15 minutiger Rundgang im Hofe (da konnte man wenigstens mal den Himmel sehen), spärliche Nachrichten von Angehörigen – ich habe nur einen Brief bekommen und der wurde mir vorenthalten und ich durfte nur das beigelegte Foto von meiner vierjährigen Tochter Patty behalten – ich hatte nur einen „Sprecher“ mit meiner Schwester Brigitte!

Wir wurden nicht geschlagen, doch es wurde ein permanenter psychischer Terror auf uns ausgeübt. Zum Beispiel: Türe auf, ein Name gebrüllt (man musste dann mit dem Vornamen und dem Geburtsdatum antworten). Sowieso, ihre Frau ist tot! Tür zu! Ich kann versichern, daß solche Art von Ankündigung selbst dem Stärksten zu schaffen macht.

Ich möchte hier nicht erzählen, was aus diesem jungen Mann geworden ist. Sie sollten nur wissen, daß diese Dinge auf der Tagesordnung standen. Jeder versuchte, das auf seine Art und Weise zu verkraften. Einige mit Tränen, andere mit Wut und noch andere schlossen sich für eine lange Zeit völlig ab. Ich hab einfach geheult. Monate, selbst Jahre vergingen. Unser Zeitgefühl regelte sich nach: Essen, Arbeit, Schlafen, Ostern, Weihnachten usw – immer das Gleiche, Tag für Tag.

Nein, warten Sie, etwas gab es, daß alle Gewöhnlichkeiten umwurschtelte: die „Transporte“. Ja, die Transporte! Traum aller politischen Gefangenen! Alle 2 oder 3 Monate (90 lange Tage) kam ein Bus mit einer Liste der Stasi ins Gefängnis. Auf dieser Liste standen die Namen derjenigen, deren Ausweisung unmittelbar bevorstand! Nach Einigung des von der Bundesrepulik zu zahlenden „Kopfpreises“ für einen politischen Häftling konnte man diesen nun an die BRD „abliefern“. Er stellte eine Ware dar.

Rechtsanwalt Dr. Vogel kümmerte sich auf westlicher Seite um diese Verhandlungen. Nach verschenken aller persönlichen Dinge aus dem Zellenspind, kam man dann in abgesonderte Zellen, es wurden die beim Haftantritt eingezogenen Effekten zurückerstattet und dann hinein in einen normalen Reisebus mit 2 oder 3 Begleitern und ab ging es in Richtung Stasigefängnis im damaligen Karl-Marx Stadt (Heute wieder Chemnitz). Es waren jedesmal zwischen 15 und 25 Personen, die abgeholt wurden. Leider kamen auch immer wieder genausoviele „Neue“ an!

Wir wussten genau, wann ein Transport zusammengestellt wurde. Wir hörten, wie die Zellentüren geöffnet wurden, 1, 2 oder 3 Namen genannt und dann die nächste Tür! Das Öffnen der Türen kam immer näher und manchmal ging auch unsere Zelle auf! Stellen Sie sich die Anspannung vor: wer von uns würde es sein? Stellen Sie sich die Freude desjenigen oder derjenigen vor, deren Name auf der Liste stand, doch vergessen Sie nicht die riesige Enttäuschung der übrigen Mitinsassen. Es war herrlich und furchtbar! Ich musste das oft erleben! Erst nach fast 34 Monaten Haft wurde dann auch mein Name genannt.

Die Ausbürgerung – die Ausreise

Ich kam mit einer riesigen Vorfreude und Bauchkribbeln in Karl-Marx-Stadt an. Gleiche Ausstattung wie im Untersuchungsgefängnis in Berlin-Pankow, nur mit einem Unterschied: die Türen blieben tagsüber offen und man konnte von Zelle zu  Zelle gehen. Wir hatten Privatkleidung an, stolz wie Spanier und qualmten und qualmten!

Eine Visite beim Doktor, dessen Aufgabe es war, festzustellen, ob die Ware in gutem Zustand war. Dann die Vorführung vor einem Stellvertreter des Staates (Rechtsanwalt, Notar oder so was – auf jeden Fall Stasi)!

Meinen gesamten Privatbesitz überschrieb ich „aus eigenem Willen“ dem Staat! Das restliche Ostgeld, das ich bei meiner Verhaftung in der Tasche hatte, musste ich im Gefängnis-Stasi-Shop ausgeben. Ich habe mir einen ledernen Aktenkoffer gekauft und einige Stangen Westzigaretten (in diesem Stasiknastshop war alles erhältlich)! Und dann die Urkunde der Aberkennung der Staatsbürgerschaft der DDR! Endlich!

Am 1.Oktober 1975 ging es dann los. Ein Bus fuhr uns aus dem Gefängnis heraus in Richtung „Westen“, in Richtung Grenzübergang Hof. In meinem Aktenkoffer waren nur ein kleiner Schriftzettel, der besagte, daß ich vom 28.Januar 1973 bis zum 1.Oktober 1975 inhaftiert war (weder weswegen, noch wo) und meine Urkunde der Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft – das war alles! Keine Geburtsurkunde, keinen Ausweis, keinen Führerschein, keine Zeugnisse, keine Versicherungs-und Steuernachweise, kein Geld – nichts!

Jirka Wartenberg/Rieckhoff existierte nicht mehr! Ich hatte trotzdem die feste Überzeugung, richtig gehandelt zu haben. Ich war 30 Jahre jung und auf dem Wege in die Freiheit! Wenn nötig, würde ich das alles noch einmal tun! 14 Jahre später gab mir die Geschichte Recht!

Wir hielten auf einem Parkplatz kurz vor dem Grenzübergang an. Die Menschen, die da waren, wurden einfach weggejagt. Wir mussten uns in den hinteren Teil des Busses setzen. Ein anderer Bus fuhr ein, Frauen stiegen aus und wurden zu uns gesetzt. Stille!

Dann kam ein schwarzer Mercedes mit Westberliner Kennzeichen und der Rechtsanwalt, Dr.Vogel kam herein. Die beiden Wachleute mussten aussteigen und setzten sich in in einen der Wolgas. Dr.Vogel nahm das Wort: Wir wären 10 km von der Grenze entfernt, würden sie ohne Stop überfahren und dann ins Aufnahmelager in Giessen (nahe bei Frankfurt) fahren und dort alles weitere erfahren. Er bat uns, kein Aufsehen zu erregen, beglückwünschte uns und stieg aus!

Wir fuhren los! Niemand war mehr da und dann erreichten wir den Grenzübergang! Herzklopfen! Wir fuhren langsam hindurch und keiner der bewaffneten Grenzsoldaten rührte sich:

Willkommen in der Freiheit!