Teil 2 – Neue Liebe, neues Leben und viel Musike

von Jirka Wartenberg | Bei meiner Arbeit, die aus den Vorstellungen im Palast, aber auch aus regelmäßigen Aufnahmen in Funk und Fernsehen mit dem Chor und auch als Solist bestand, lernte ich Elke Rieckhoff kennen, die Erste Solotänzerin im Friedrichstadtpalast Berlin.

Wir verliebten uns auf den ersten Blick und wir verließen unsere beiden Ehepartner. Elke verliess Heinz-Dieter Knaup, (der im Berliner Ensemble Schauspieler war), ich meine Ehefrau Margot und wir heirateten im April 1969 und ich nahm bei der Eheschliessung den Familiennamen Rieckhoff an.

Eine schlimme, eine schöne Periode in meinem Leben. Es tut mir leid Sascha, es tut mir leid Maggy !

Nach Ende unserer Anstellung im Palast schloss ich mich im Februar 1969 dem Peter Baptist Sextett an. Im Sommer kam dann Alexander Schilling mit seiner Ehefrau als Solistin hinzu und aus uns wurden dann im August ´69 die Alexanders (erste Version) mit Torsten Kraft, Döhring, Jirka Rieckhoff, geb. Wartenberg.

Die Alexanders vor dem Neptunbrunnen

Meine Zeit bei der NVA

1969, November: Ausstieg aus der Kapelle, da es bis April 71 zur Armee ging (Kanonier in Prenzlau) unter dem damaligen Hauptmann Norbert Lautke, dem kleinsten Offizier – aber mit der grössten Schnauze des Warschauer Paktes: 1,54m klein! – Kleiner Mann, ganz gross!

(Nach meiner Entlassung als Unteroffizier wurde Hauptmann Lautke zum Major befördert).

Nach 42 Jahren ein sehr schönes, berührendes Wiedersehen mit "meinem Hauptmann Lautke" in seiner Heimatstadt Prenzlaug

Nach 42 Jahren ein sehr schönes, berührendes Wiedersehen mit "meinem Hauptmann Lautke" in seiner Heimatstadt Prenzlau. Danke Norbert!

Nach meiner Ankunft im Regiment genoss ich eine Sonderbehandlung im positiven Sinne (Fernsehstar, etc.) und enttäuschte auch nicht. In allen Disziplinen hatte ich sehr gute Ergebnisse (sicher auf Grund meiner vorherigen sportlichen Aktivitäten) und bekam außerdem auch sofort den Befehl vom kommandierenden Oberst, eine Musikgruppe aufzubauen. Die musste zum Weihnachtsfest stehen und das haben wir auch geschafft. Ich erinnere mich nur noch des Namens eines Kollegens: Bernd Küsstner. Schon während der Premiere zum Jahresende wurde ich zum Gefreiten befördert (völlig anormal in einem normalen Wehrdienst).

Kurz: Während dieser Zeit habe ich versucht, den „Herren Genossen“ zu gefallen und konnte auch sehr gut davon profitieren – fast die Hälfte meiner Wehrzeit verbrachte ich zu Hause in der Marienstrasse in Berlin-Mitte.

Die „Genossen“ hatten keine Ahnung, warum ich denen so angenehm war! Ich brauchte halt eine gute Beurteilung, um vielleicht eine Reise in die BRD genehmigt zu bekommen. Meine Frau schaffte dies schon mehrere Male mit ihrem Ex-Ehemann.

Ein Stern ging auf

6. Februar 1970: Riesenglück in Berlin. Heute wurde unsere Tochter Patricia geboren!

Das NBI Magazin berichtete über die Geburt unserer Tochter Patricia...

Die Geburt unserer Tochter Patricia wurde in der Zeitung gewürdigt. Nicht auf der Titelseite aber immerhin. (Leider nicht von den Ignoranten der BfA Berlin)

...zwar nicht auf der Titelseite, aber immerhin.

Zu ihrer Ankunft habe ich „Nun bist du da“ geschrieben und im Aufnahmestudio der Plattenfirma Amiga (Studioleiter Gerd Siebholz) als Single aufgenommen. Das Amiga-Plattenstudio war in Ostberlin und „klebte“ direkt an der Mauer vom Reichstag.

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1970: Nach dem Vorsingen vor einer Kommission erhielt ich meinen sogenannten Berufsausweis, der mich berechtigte, als beruflicher Sänger Honorare von 70 bis 130 Mark zu fordern!

Nach Beendigung meiner Wehrpflichtzeit (Entlassung als Unteroffizier der Reserve) kam ich von April 71 bis August in den verschiedensten Programmen, Konzertgastspielen als Gesangssolist zu Auftritten. Ich habe Platten aufgenommen, Fernseh- und Funkaufnahmen gemacht und mit wichtigen Leuten in dieser Zeit (z.B.Wolfgang BrandensteinGerd Siebholz, Aufnahmechef im Amiga Studio) zusammengearbeitet. Frank SchöbelChris Dörk und all die Sterne, von denen man sogar noch heute hört, waren meine Kollegen und ich hätte gern mal etwas von ihnen gehört.

Dann kam das Alfons Wonneberg Orchester. Alfred Wonneberg, Gesangsolist neben Hannelore Breiten (eine liebe Kollegin) und auch ein sehr guter und kompetenter Orchesterchef! Alfons, vielen Dank für Deine damalige Unterstützung, ich habe viel bei Dir gelernt.

Reisefieber – das Nachdenken begann

Bevor ich Elke Rieckhoff kennenlernte, wurden ihr mehrere Male Reisen in die damalige Bundesrepublik genehmigt. Sicherlich von einem Fan und hohem Stasi-Beamten unterstützt, brauchte sie nur eine gewisse Telefonnummer wählen und nach ein oder zwei Wochen bekam sie ein Visum!

Ihre Eltern wohnten damals in Düsseldorf und wir sind darüber übereingekommen, daß sie versuchen sollte, allein eine weitere Reise mit unserer Tochter Patricia zu beantragen – mit mir wäre das wahrscheinlich nicht gelaufen. Angegebene Begründung: Gastspiel des Friedrichstadtpalastes in Polen und auf Grund meiner Gastspielreisen hätte sie niemanden, um auf unsere Tochter aufzupassen.

Diese Reise wurde nun auch genehmigt und wir waren übereingekommen, daß sie nie wieder zurückkehren sollten. Eine wichtige und schwere Entscheidung, da für mich zu diesem Zeitpunkt absolut keine Möglichkeit bestand, ihnen zu folgen! Im April 1972 habe ich also meine Tochter Patty, die zwei Jahre alt war und Elke zum Bahnhof Friedrichstrasse begleitet, habe winke-winke gemacht und natürlich genau gewusst, daß ich sie, wenn überhaupt, eine lange Zeit nicht wiedersehen würde!

Ein vereinbarter Brief, in dem Elke mir ihre Entscheidung, nicht mehr zurückzukommen, mitteilte, sollte mich vor einer eventuellen Anklage, der sogenannten „Mitwisserschaft einer Republikflucht“ gegenüber den Behörden schützen. Ich habe natürlich sofort die Polizei benachrichtigt (5 Stunden Verhör!) und hatte von diesem Tag einen „Wolga“ mit zwei Kumpeln am Halse!

Ich wurde natürlich von Seiten des Palastes sehr schräg angesehen, bekam keine Engagements mehr für das Fernsehen, für Platte oder den Rundfunk. Alle meine Schallplatten wurden in sämtlichen Verkaufsstellen in der DDR aus dem Verkehr gezogen und mir blieb nur die Arbeit bei Alfons…

Privat verbrachte ich meine Zeit mit Marina und Jürgen Malkowski, die im gleichen Hause mit mir wohnten, war jeden Abend in der Möve (Künstler Nacht-Club in der Nähe der Friedrichstrasse), in der Bar des Berolina-Hotel, in der Pinguin-Bar oder in fast allen Nachtplätzen Berlins, wechselte meinen Trabbi gegen einen Wolga aus, fing Frauengeschichten an…

Kurz: Dies sollte dazu beitragen, der Stasi zu zeigen, daß ich wirklich mit beiden Füssen in dieser herrlichen Republik verankert war! Die Typen im Überwachungsauto konnte ich aber trotzdem vorerst nicht „abschütteln“. Von dieser abgesprochenen Flucht meiner kleinen Familie setzte ich nachträglich nur meinen Freund Bernd Emich und die Malkowskis in Kenntnis, ein Fehler, der große Folgen haben sollte!

Juli 1972: Ich kündigte bei Alfons Wonneberg, weil wir zusammen mit Hansi Biebl und Manfred Möller die ehemaligen Atlantics neu aufbauen wollten.

Bernd Emich spielte zu dieser Zeit beim Wolfgang Stielow Septett und es ergab sich, daß sie vom 1. bis 15. Juli einen Gitarristen und einen Sänger für ihr Gastspiel in der Neva-Bar in Rostock brauchten. Hansi und ich waren einverstanden und verlegten unsere Proben für die neuen Atlantics nach Rostock. Danach trat ich noch einige Male als Solist mit dem Septett auf, hatte dann aber keine Kontakte mehr.

Im August stand dann die Atlantics II mit Johannes BieblManfred MöllerRainer Riedel und Jirka Rieckhoff auf den Bühnen und wir waren immer mehr und mehr angesagt. Bei unseren Konzerten waren jedes Mal viele Musiker anwesend, viele kamen auf die Bühne, um ein bisschen mitzuspielen, z.B. Henri Kotowski, auch „Cottn“ genannt.

Die „zweiten“ Atlantics

Die „zweiten“ Atlantics

Wir begannen fast jede Serie mit einem neu arrangierten Titel der Beatles und das entfachte jedes Mal einen Riesenapplaus. Viele wollten bei uns einsteigen, doch wir blieben ein Quartett, haben uns aber auch Reinhard Lakomy für sein Ensemble zu Verfügung gestellt (Sängerinnen: Eva PfannensteinUschi Brüning, „Lütte“,…).

Die Atlantics II zusammen mit dem Reinhard Lakomy Ensemble

Die Atlantics II zusammen mit dem Reinhard Lakomy Ensemble

Meine „Schleusung“ wird geplant

Ich hatte natürlich in dieser Zeit nicht aufgehört, einen Weg zu finden, um meine Frau und meine Tochter wiederzufinden. Im Dezember lernte ich durch Zufall einen Herrn Wilfried Wegner aus Westdeutschland kennen (Bernd Emich war auch anwesend) und irgendwie kamen wir auf Elke, Westen und Schleusung zu sprechen. Wir wurden uns letztlich einig, daß er mich für  25.000 Westmark über die Transitstrasse F5, Staaken-Horst, in die Bundesrepublik bringen würde.

Da mein Vater eine Erbschaft meines Opas in Berlin-Hermsdorf gemacht hatte und das Geld in West-Berlin innerhalb unserer Familie verwaltet wurde, hoffte ich, meinen Vater zu überzeugen, mir nach der Flucht diese Summe zu leihen. Wegner wollte eine sofortige Anzahlung von 2.000 DM haben und bei einem Treffen mit Herrn Wegner und Bernd Emich bei meinen Eltern willigten sie ein ein und sie gaben die 2.000 geforderten Westmark.

Einige Tage später, am 18. Januar 1973, um 17 Uhr traf ich erneut Wegner in der „Espresso Bar“ Hotel Stadt-Berlin. Die Schleusung sollte um 19 Uhr 30 auf der F 5 am Ortsausgang Nauen vorgenommen werden. Dazu brauchte ich aber jemanden, der mein Auto nach Berlin zurückfahren konnte. Ich habe darum Hans-Jürgen Malkowski, meinen Freund und Nachbarn gebeten. Er war einverstanden und wir fuhren zum vereinbarten Treffpunkt, doch irgend etwas kam mir in diesen späten Abendstunden nicht ganz geheuer vor. Wir waren sicher, beobachtet zu werden und nach einem kurzen Stop auf einem verlassenen Parkplatz brachen wir diesen Versuch ab und fuhren wieder mit großem Herzklopfen zurück nach Ost-Berlin!

Am 20. habe ich erneut Wilfried Wegner getroffen, der mit einem anderen Westdeutschen, Herrn Wunderlich, kam. Wir vereinbarten einen neuen Versuch für den 24. Januar aber diesmal über die für sie übersichtlichere Transitautobahn in Richtung Hamburg.

Alles in allem waren nur meine Eltern, Jürgen und Marina Malkowski und Bernd Emich über mein Vorhaben unterrichtet. Die genauen Einzelheiten kannten nur die Malkowskis und Emich!

28. Januar 1973: An diesem Tag, um sechs Uhr morgens endete mein normales Leben und meine Musikerkarriere !