Nichts hören, nichts sehen und nie sprechen…

von Jirka Wartenberg | Am 22. September 1945 wurde ich als Jirka Wartenberg in Berlin-Pankow geboren. Mein Vater war ein einfacher Mann, der im VEB Bergmann-Borsig arbeitete und meine Mutter kümmerte sich ums Haus und um meine Erziehung. 1948 kam dann auch meine Schwester, Brigitte, auf die Welt und ich weiß jetzt, daß das Leben für meine Eltern auf Grund des Fehlens aller wichtigen Dinge so kurz nach Kriegsende hart und schwer war. 1949 kam dann die Trennung in Bundesrepublik und DDR und leider befand sich die Brehmestrasse, in der wir wohnten, im sowjetischen Sektor Berlins, also in Ost-Berlin!

Ich glaube, von diesem Zeitpunkt an waren die Würfel gefallen und mein Leben ging in eine ganz bestimmte Richtung. Meine gesamte restliche Familie wohnte in West-Berlin und schon von klein auf wurde mein Leben von Unterschieden geprägt. Trotz alledem verbrachte ich eine sehr glückliche Kindheit.

Zu Anfang haben wir als Kinder alle Dummheiten gemacht, die kleine Jungs halt machen: in der Schönholzer Heide auf die unmöglichsten Bäume geklettert, auf den Dächern unserer dreistöckigen Häuser „Ausflüge“ gemacht etc.

Dann holte uns der Fußball ein und wir waren natürlich voll begeistert. Die Schulzeit begann und mit ihr auch das Lernen, in zwei verschiedenen Welten zu leben: Elternhaus und Familie einerseits und auf der anderen Seite die Ausbildung und Prägung des Staates mit seiner Ideologie. Das Prinzip war für mich in diesen jungen Jahren einfach: „Du sagst was sie hören wollen und du bekommst gute Noten!

Schon als kleines Schulkind verstand ich bereits, daß man uns wissentlich in Unkenntnis hielt. Die Kluft zwischen der Realität in meiner Familie und dem, was sie für mich darstellen sollte, konnte ich natürlich keinem Lehrer abkaufen. Trotzdem ein großes Problem, da weder mit meinen Eltern, meinen Freunden und noch weniger mit meiner kleinen Schwester über diese Dinge gesprochen wurde. Das war ein „natürliches“ Tabu, eine Art von Schutz, um sich nicht in der Schule zu „verplappern“!

Das Prinzip der drei Affen: Nichts hören, nichts sehen und nie sprechen.

Aufstand, 17. Juni 1953: Panzer in meiner Strasse zu sehen, war für mich und auch für meine Freunde ein beeindruckendes und sehr beängstigendes Geschehen und wir verstanden natürlich überhaupt nicht, was da vor sich ging und hatten letztendlich nur Herzklopfen und auch große Angst! Nach Ende des Volksaufstandes ging alles wieder seinen „normalen“ Gang.

Erklärungen in der Schule über dieses Ereignis verstärkten noch mein Unverständnis und stimmten in nichts überein, was ich selbst auf der Strasse erlebt habe: Russische Soldaten, die erstaunt einen Wasserhahn anguckten, sich mit Brausewasser das Gesicht saubermachten, Gewalt an Frauen und alten Männern verübten, eine fremde gutturale Sprache, Maschinenpistolen und einige sporadische Schüsse.

Ich war knapp acht Jahre alt! Und weiter ging es dann mit Musike